Edgar Ende: Ein visionärer Künstler,
der nicht in seine Zeit passte

Was verbindet Sie mit der Kunst von Edgar Ende?

Roman Hocke: Ich bin seit 1981 Lektor von Michael Ende gewesen. Und über die vielen Jahre der Zusammenarbeit hinweg sind wir gute Freunde geworden. Tage- und auch nächtelang haben wir anregende Gespräche über Gott und die Welt geführt. Die Kunst seines Vaters war für Michael Ende der Ausgangspunkt zu seinem eigenen poetischen Konzept. Um sich selbst zu erklären, kam er immer wieder auf die Bilder seines Vaters zu sprechen. Er war es auch, der den Anstoß dazu gab, seinem Vater jenen Platz in der Kunstgeschichte zukommen zu lassen, der im von Haus aus gebührt. So haben wir im Weitbrecht Verlag die erste Monographie und den ersten Kataloge samt Ausstellungstournée realisiert. Ich bin auf diese Weise von Anfang an mit dem Werk von Edgar Ende und dessen Bedeutung für die Poetik von Michael Ende vertraut gemacht worden. Seit einem halben Jahr habe ich im Übrigen auch von Frau Mariko Sato-Ende, der Witwe von Michael Ende, den Auftrag erhalten, mich um den künstlerischen Nachlass von Edgar Ende zu kümmern. Gemeinsam mit dem Testamentvollstrecker Dr. Wolf-Dieter von Gronau aus München trage ich auch Sorge für den literarischen Nachlass von Michael Ende.

Was zeichnet in Ihren Augen das Werk von Edgar Ende besonders aus und welchen Stellenwert nimmt Ende in der Kunstkritik ein?

Roman Hocke: Das Besondere an Edgar Ende ist, dass er ein "visionärer" Maler ist, seine Bildmotive also völlig frei aus seiner eigenen Innenwelt heraus schöpfte, ohne auf Stil und Inhalte zu achten, die gerade en vogue waren. Aus diesem Grunde ist eine Einordnung seines Werkes schwer, will es so recht in keines der Kästchen passen, die die Kunstgeschichte parat hält. Dass die Kunstkritik damit ihre Probleme hatte, liegt nahe. In den letzten 15 Jahren allerdings ist Edgar Ende und seine Kunst als eine herausragende Leistung des 20. Jahrhunderts anerkannt worden, und zwar in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen, nicht allein im deutschsprachigen Raum. Professor Wieland Schmied, Präsident der Akademie der Schönen Künste, hat sehr wesentlich zu der Wiedergutmachung beigetragen und Edgar Ende jenen Platz in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts eingeräumt, der ihm gebührt.