Neomanierismus in Europa
Ein kritischer Exkurs von Gustav René Hocke

Es hat sich herumgesprochen, dass wir mit so genannten "epochalen" Stilbegriffen vorsichtig verfahren müssen. Das gilt für alle kunsthistorischen Schemata, ob sie Romanik, Gotik, Renaissance, Manierismus, Barock, Romantik usw. heißen, sobald die mehr oder weniger relative Einzigartigkeit einer nur noch schwer reduzierbaren schöpferischen Persönlichkeit durch geistesgeschichtliche Abstraktionen gleichsam nur noch als Funktion bestimmter epochaler Gegebenheiten (Gesellschaft, Wirtschaft, Geschmack, religiöse Tabus, zivilisatorische Konventionen, kulturelle Idole und so genannter Zeitgeist) angesehen wird. Die Kinderkrankheiten des zu abstrakten Idealismus wie des zu empirischen Realismus scheinen überwunden zu sein. Dennoch können wir, wollen wir nicht einem nur noch fragmentarischen Monographismus verfallen, auf das geistig "Umfassende" bestimmter Ausdrucksgebärden (Gottfried Benn) keineswegs verzichten, weil jedes Individuelle auch in höchster Art, also auch das Mutations-Phänomen "Genie" in seinem Werk Doppeltes spiegelt: Realfaktoren (seiner "materiellen" Zeit) und Idealfaktoren (seiner überrelativen Bezogenheit auf eine nicht messbare "ewige" Zeit des eben umfassenden Seins). Elementare Prinzipien einer solchen ästhetischen Erkenntnistheorie, die den Ideologienstreit der "schrecklichen Vereinfacher" von "Rechts" wie von "Links" allmählich als nutzlos ansieht, beginnen sich in allen Kulturländern der Welt durchzusetzen.

               

Wir erhalten den Gewinn einer größeren Unbefangenheit ebenso gegenüber der singulären Erscheinung eines Werks und eines Künstlers wie gegenüber der auch universalen Bedeutung einer jeweiligen Epoche und ihres "Stils". Von dieser modernen, eher dynamisch menschenkundlichen als diskursiv logischen Unterscheidung, hat eine Stilepoche profitiert, die bisher als verrucht, epigonal, steril, ja als neurotisch, um nicht zu sagen als psychopathisch galt: der historische Manierismus (etwa1550 bis 1560. Er, dieser vielfach geradezu verschrieene "Stil", galt klassizistischen oder naturalistischen Richtern als verwerflich, weil er den guten Geschmack verletze, weil seine geistigen Hintergründe krank seien, weil der den Menschen weder tröste noch belehre. Das hat sich geändert. Zunächst half uns unsere heutige Zeit auf Grund eines tieferen Wissens um die seltsamen Mächte des Unterbewusstseins, des Traums und eigenartiger seelischer Phobien aller Art, subjektive, "deformierende" anti-klassizistische und anti-naturalistische Darstellungsformen besser zu verstehen. Wir haben allmählich eine Konkordanz von Kriterien aufgezeichnet, um diesen Manierismus, der z.B. Hegels abstraktem Welt-Geist-Idealismus ebenso zuwider war, wie den Gegnern alles ver-rückt Individuellen, wie z.B. Georg Lukàcs, richtiger werten zu können.             

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